Spiegellos–die X-Pro2 und die M10

Hebt man sie hoch, traut man seinen Augen nicht mehr, denn sie ist spürbar leichter als die Leica M10, obwohl sie wuchtiger aussieht, besonders mit dem 23mm-Objektiv der Lichtstärke 1.4. Die Rede ist von der Fujifilm X-Pro2. Dreiundzwanzig Millimeter? Was ist das denn für eine Brennweite? Moment, die Fuji, die mir ein Freund ausgeliehen hat, ist ja keine Kleinbildformatkamera wie meine Leica, sogenanntes „Vollformat“, sondern eine Kamera mit APS-C-Sensor, der gerade mal halb so gross ist wie das Sensorformat, das Leica in den Messsucherkameras seit der M9 verbaut. Das bedeutet, dass vom Bildwinkel her die 23 Millimeter des Fujinon-Objektivs XF 23/1.4 ziemlich genau den 35 Millimetern des Summilux-M 35/1.4 entsprechen, das an meiner M10 angesetzt ist. Oder einfacher gesagt: Wenn ich mit der oben abgebildeten Fuji und diesem Objektiv ein Foto schiesse und danach vom gleichen Standpunkt aus grad eines mit der daneben stehenden Leica M10, dann ist bei beiden Bildern gleich viel drauf. Warum es Leica gelingt, ein Objektiv derselben Lichtstärke und mit dem gleichen Bildwinkel deutlich kleiner zu bauen als Fuji, obwohl das Leica-Objektiv einen doppelt so grossen Sensor ausleuchtet, muss ein wenig das Geheimnis der optischen Entwickler in Wetzlar bleiben. Sicher ist jedoch: Das Fujinon beinhaltet einen Autofokus-Motor, der Platz braucht, während das Leica-Objektiv sich auf optomechanische Qualitäten beschränken kann. Denn eine Messsucherkamera lässt sich bekanntlich nur manuell fokussieren.

Diese Einfachheit ist man sich als Leica-User nicht gewohnt: Blende 1.4 eingestellt, draufgehalten, Fokuspunkt gesetzt und ausgelöst: Den Rest macht die X-Pro2. JPG aus der Kamera, leicht aufgehellt
Diese Einfachheit ist man sich als Leica-User nicht gewohnt: Blende 1.4 eingestellt, draufgehalten, Fokuspunkt gesetzt und ausgelöst: Den Rest macht die X-Pro2. JPG aus der Kamera, leicht aufgehellt

ERste und zweite Geige

Doch noch mal von vorne: Warum stehen diese beiden Kameras überhaupt so nebeneinander? Ich besitze eine Leica M10 sowie eine Nikon Df und jeweils einige Objektive dazu. Die M10 trägt die Hauptmelodie, die Nikon spielt die zweite Geige als Backup oder als zusätzliche Kamera mit einer Brennweite, die am Messsucher nicht überblickbar ist, sprich Superweitwinkel, oder die nur schwierig zu nutzen ist, also Tele. Manchmal ist zudem ein Autofokus-System wirklich praktisch. Und Zoom-Objektive gehen an der Leica auch nicht, jedenfalls nicht ohne Adapterlösungen. Muss es aber etwas so Grosses und Schweres sein wie eben ein Spiegelreflexkamera im Kleinbildformat? Zwar ist die Nikon Df recht kompakt, aber die Objektive sind es eben überhaupt nicht. Wenn ich einen Anlass fotografiere, kann ich mich meistens nicht auf eine Brennweite beschränken oder das Objektiv ständig wechseln. Also schleppe ich immer wieder eine schwere Tasche mit mir herum, weil da noch die Nikon mit den grossen Rohren mit muss. Und wenn ich dann die Bildqualität vergleiche, sehe ich den Unterschied zwischen den 24 Megapixeln der M10, bestens bedient von den hervorragenden Leica-Linsen, und den 16 Megapixeln der Df. Deswegen habe ich mir eine Fuji X-Pro2 ausgeliehen, sie ausprobiert und mich gefragt: Kommt sie eher in die Nähe der Leica und macht sie mehr Freude als die Nikon?

 

Fuji gegen Leica gegen Nikon: Was soll das für ein Vergleich sein? „Absolut sinnlos!“, höre ich als Einwand. „Völlig subjektiv!“, ein weiterer Zwischenruf. Hierauf muss ich entgegnen: Das ist mir egal. Es ging mir beim zweitägigen Ausprobieren der Fuji nicht um das Testen unter Laborbedingungen, sondern darum, ob ich damit fotografieren kann, wie die Fuji im Vergleich zur Leica zeichnet, wie sie die Farben sieht,  und ob sie meine Nikon-Ausrüstung als Backup und Zweitsystem ersetzen könnte. Und natürlich musste ich dafür ein paar Aufnahmen machen, anhand derer ich die technische Bildqualität für mich beurteilen konnte. 

Satte Farben und Kontraste – JPG aus der X-Pro2 in der Grundeinstellung Filmsimulation Provia
Satte Farben und Kontraste – JPG aus der X-Pro2 in der Grundeinstellung Filmsimulation Provia

Hybrid oder pur?

Der anfangs erwähnte Gewichtsunterschied zwischen der Fuji und der Leica – mit den abgebildeten Objektiven 800g gegenüber 1000g – macht sich beim Tragen an der Schulter und beim Halten in der Hand bemerkbar. Die M10 fühlt sich viel dichter an, ohne einen Griff zu bieten; ich umklammere sie mit dem Objektiv oder hebe sie mit beiden Händen hoch und fotografiere auch beidhändig damit. Die X-Pro2 packe ich mit der rechten Hand allein, genauer gesagt im Pinzettengriff mit dem Daumen, dem Zeige- und dem Mittelfinger, hebe sie so hoch und stabilisiere sie quasi mit dem rechten Handballen allein. Die kleinen Griffwulste auf der rechten Seite ermöglichen das. Danach lege ich sie mit dem Objektiv in die linke Handfläche wie eine Spiegelreflex. Bei beiden Kameras steuere ich die Blende am Objektiv, bei der Leica meistens nur mit dem linken Daumen. Das Leica-Objektiv will dann noch mit dem linken Zeigefinger fokussiert werden, während sich die X-Pro2 vollständig mit der rechten Hand bedienen lässt. Der Blick durch den Sucher erfolgt bei beiden an der linken oberen Ecke. Die Kameras verdecken, weil ich mit dem rechten Auge fotografiere, also nur einen kleinen Teil meines Gesichts, was mich mit meinem Gegenüber gut kommunizieren lässt. Die Fuji erleichtert mit ihrem Autofokus das Porträtieren, denn ich kann zuerst den Bildausschnitt wählen und mit dem Joystick das AF-Messfeld auf das Auge der porträtierten Person legen. So gelingen sicher scharfe Porträts auch bei geringer Schärfentiefe. Mit dem Messsucher der Leica ist das schwieriger, man könnte auch sagen, eine spezielle Herausforderung: Ich kann nur in der Mitte fokussieren und muss dann verschwenken oder mich seitlich verschieben, um das Bild zu komponieren, ohne dass das Motiv aus der Schärfeebene gerät. Die M10 bietet zwar optional einen elektronischen Aufstecksucher, mit dem sich auch aussermittig ein vergrössertes Bild anzeigen lässt, aber fokussieren muss man natürlich immer noch manuell. 

Stressfrei porträtieren bei geringer Schärfentiefe – aussermittig fokussiert mit dem AF
Stressfrei porträtieren bei geringer Schärfentiefe – aussermittig fokussiert mit dem AF

Wenn wir grad beim Sucher sind: Die X-Pro2 kombiniert einen optischen Sucher mit einem elektronischen Sucher zu einem Hybridsucher. Im optische Sucher werden das Bildfeld des angesetzten Objektivs und auf Wunsch weitere Bedienungshilfen angezeigt. Diesen Hybridsucher hat Fuji zuerst in der X100-Reihe verbaut. Das Konzept klang anfangs spannend für mich, in der Praxis allerdings habe ich schon an der X100s fast ausschliesslich den elektronischen Sucher verwendet. Und auch an der X-Pro2 vermag mich der optische Sucher nicht zu überzeugen: Das Bildfeld bei einem 23mm-Objektiv ist, verglichen mit demjenigen des entprechenden 35mm-Objektivs im Messsucher der M10, geradezu winzig. Und in Kombination mit dem Autofokus narrt im Nahbereich die Parallaxe den Fotografen: Ich schaue ja nicht wie bei einer Spiegelreflex durch das Objektiv, sondern am Objektiv vorbei. Der Autofokus misst aber durch das Objektiv. Positioniere ich nun das Messfeld auf einen bestimmten Punkt und drücke dann den Auslöser, dann verschiebt sich im Nahbereich das Messfeld und die Kamera fokussiert dann gerne auch mal daneben. Der elektronische Sucher hingegen zeigt mir, was der Sensor durch das Objektiv aufzeichnet: Das AF-Messfeld spielt mir keinen Streich, und mehr noch: Ich sehe, weil ich die Blende ja voreingestellt habe, sogar die Tiefenschärfe voraus. Wenn ich nun sogar noch das Histogramm aktiviert habe, dann kann ich schon vorher sicher beurteilen, ob ich die Belichtung korrigieren muss. Das geschieht dann völlig intuitiv mit dem Daumen am Drehrad rechts oben, ohne dass ich die Kamera vom Auge nehmen muss. Der Hybridsucher der X-Pro- und der X100-Modelle hat viele Fans gefunden, ich selber mag es lieber pur: Als optische Sucher überzeugen mich nur der Spiegelreflexsucher und der Messsucher. Habe ich einen elektronischen Sucher eingebaut, will ich hingegen die Vorteile des elektronischen Suchers nutzen und gebe mich nicht mit einem Guckloch zufrieden, das an den Rändern auch noch fast so stark verzeichnet wie die Optik eines Türspions. 

Die Schärfentiefe

Alles schön und gut: Gewicht, Handling, Autofokus, elektronischer Sucher – die X-Pro2 ist angenehm und funktioniert. Den optischen Sucher verzeihen wir ihr. Aber sie ist keine Vollformatkamera. Wie steht es damit? Sieht man das den Bildern an? Erstaunlich wenig! Man kann es allenfalls im direkten Vergleich der Schärfentiefen erahnen. Die Leica stellt mit dem 35/1.4 stärker frei als die Fuji mit dem 23/1.4. Trotzdem schafft die Fuji einen angenehmen Bildeindruck mit einer gewissen Tiefe:

Mit der Leica wird der Hintergrund noch etwas unschärfer, die Spitzlichter werden grösser, die Schärfentiefe ist kleiner:

Und die Farben?

Vielleicht fallen in diesem Vergleich aber eher die Farbunterschiede auf. Beide Bilder sind aus RAW entwickelt in Capture One Pro 11. Ich habe den Weissabgleich nicht genau gleich eingestellt. Momentan geht es mir noch so, dass ich aus einem Leica-RAW schneller den Farbeindruck hervorbringe, den ich sehen will. Ich erspare mir jetzt aber den Vergleich der JPG-Dateien aus der Kamera. Bei beiden Kameras habe ich dieser Situation jeweils RAW und JPG abgespeichert. Dabei stellte ich erneut fest, was kein Geheimnis ist: Mit einer Leica M schiesst man lieber Fotos in RAW, also im DNG-Format, denn die JPGs sind nicht überzeugend. Was man allerdings aus den DNGs herausholen kann, sucht seinesgleichen. Mit der Fuji X, vor allem bei Kameras mit deren neuem Sensor X-Trans-III, sind auch sehr gute Direkt-JPGs ab Kamera möglich, wenn der Weissabgleich stimmt, das Foto richtig belichtet ist und die kamerainterne Rauschunterdrückung auf eine sehr geringen Stärke eingestellt ist (NR -3). Stärkere Rauschunterdrückung führt bei höheren Empfindlichkeiten zum Verwaschen von Details. In einem gewissen Mass sind auch die Kamera-JPGs im Nachhinein noch verbesserbar. Hier zum Beispiel habe ich darauf geachtet, dass der Himmel nicht ausbrennt und das höchste Gebäude der Schweiz weit im Hintergrund sich noch klar abzeichnet, obwohl es weiss ist. Im Nachhinein habe ich dann die Schatten aufgehellt:

Ist der Dynamik-Unterschied aber sehr gross, dann muss man auch bei Fuji vom RAW ausgehen, weil die Schatten sonst absaufen. Im RAW ist aber dank der Auflösung von 24 Megapixel reichlich Reserve vorhanden:

Ausschnitt aus dem Kamera-JPG
Ausschnitt aus dem Kamera-JPG
Ausschnitt aus dem RAW
Ausschnitt aus dem RAW

DAs Fazit

Die X-Pro2 gefällt mir sehr gut. Sie macht gestochen scharfe Bilder, malt schöne Farben, liefert auch sehr gute JPGs aus der Kamera, die keiner weiteren Bearbeitung bedürfen, und sie kann sehr wohl alles das, wofür ich bis jetzt eine Spiegelreflex einfacher oder tauglicher fand als meine Messsucher-Leica: Autofokus ist manchmal wirklich hilfreich, und am Messsucher ist der Bereich der nutzbaren Brennweiten eher eingeschränkt. Die spiegellose X-Pro2 ist leichter und kompakter als manche Spiegelreflex und daher eine ideale Ergänzung oder – je nach Objektivkombination – ein sehr gutes Backup zur M10. Auch das Fujinon XF23/1.4 macht als Optik einen sehr guten Eindruck. Es bietet eine schöne Detailzeichnung, wenn auch nicht ganz auf Leica-Niveau, und ein weiches Bokeh. Das ganze Objektivprogramm hat Fuji gut aufgestellt. Es sind wohl auch Top-Zoom-Objektive dabei, die eben deutlich leichter und kompakter sind als die Entsprechungen bei Nikon. Der optische Sucher der Fuji macht mir keine Freude. Aber Fuji bietet ja auch Gehäuse an, die mit einem rein elektronischen Sucher auskommen. Nebst der X-T2 ist das die noch deutlich leichtere X-E3. Sie bietet einen äusserst preiswerten Einstieg ins System bei gleicher Bildqualität wie die grossen Schwestern X-Pro2 und X-T2 und sie hat auch den Joystick, mit dem sich das AF-Messfeld spielerisch leicht und schnell verschieben lässt. Aber wie tauglich ist die Fuji bei nicht so günstigem Licht? Nach der Sichtung von ein paar Fotos mit ISO 6400 und sogar 12'800 aus der Fuji wurde klar: Die Nikon hat gut musiziert, sie darf jetzt aber in Rente gehen beziehungsweise einen anderen Dirigenten suchen. Mein Orchester der Zukunft ist spiegellos. Fuji spielt darin die zweite Geige, Leica nach wie vor die erste.