Adjektive stinken

Sie sind die Lieblinge der Primarlehrer und die Todfeinde der Zeitungsredakteure: die Adjektive. An ihnen müssen wir in der Schule unseren Wortschatz entwickeln, unsere Fantasie beweisen. Ein Text, so lernen wir früh in der Schule, lebt erst dann so richtig, wenn er gespickt ist mit vielen Adjektiven. In allen Journalistenschulen müssen die Schreibenden dann wieder lernen, auf Adjektive zu verzichten. Verlagslektore senden Manuskripte von ersten Romanversuchen zurück, weil ihnen übel ist nach einer Überdosis Eigenschaftswörter. Denn Adjektive beschreiben Eigenschaften, Zustände und nicht Handlungen und Entwicklungen, falls sie überhaupt mehr leisten als Kitsch, der nur glänzt. Ein Text lebt aber, wenn er beschreibt, wer was tut, nicht wer wie ist. Oft sagt eine Handlung mehr über eine Eigenschaft aus als ein Hinzugeworfenes – ein „Adjektiv“. Statt zu sagen, jemand sei mutig, beschreibe ich lieber eine seiner mutigen Taten. Der Leser bekommt dann schon den Eindruck, dass er es nicht mit einem Angsthasen zu tun hat. Statt zu sagen, Adjektive seien grässlich oder schlecht, rufe ich: Adjektive stinken! Wolf Schneider ist mit vielen anderen Journalisten ein Gegner des Adjektivs. Zugestanden, man muss den Hass auf die Adjektive nicht so weit treiben wie jener Chefredaktor, der in der Redaktion einen Zettel mit folgender Aussage aufgehängt haben soll: „Bevor Sie ein Adjektiv schreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es wirklich nötig ist!“ Aber ein zurückhaltender Umgang ist zu empfehlen. Wir sollten das, was uns in der Pubertät oder noch früher beeindruckt hat, kritisch betrachten. Es ist dasselbe wie mit der Satzstruktur: Einen guten Stil pflegt nicht, wer möglichst kompliziert baut und die Sätze stopft, bis sie platzen, sondern wer mit Präzision zu Werk geht und das Mass zu halten weiss.

Tipps:

  • Verwende nur notwendige Adjektive. Fülle nicht einfach Hohlräume vor Substantiven.
  • Um zu beschreiben, wie jemand ist, schreibe, was er tut, sagt, denkt.

Übung

Charakterisiere eine literarische Figur, eine Filmfigur oder einen Prominenten und verwende dabei keine Adjektive. Schreibe den Text als Rätsel, sodass man erst mit der Zeit oder ganz am Schluss merkt, um wen es sich handelt.