Hauptsätze, hauptsätze, Hauptsätze

Du willst deine Leser packen, nicht sie verärgern oder langweilen. Warum also schreibst du nicht so, dass sie dich verstehen und dass es sie interessiert, was du sagen willst? Warum befolgst du Kurt Tucholskys „Ratschläge für einen schlechten Redner“?

 

Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet ... nun, ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt du sprechen.

 

Das ist grammatikalisch korrektes Deutsch. Aber die hypotaktische Satzstruktur, also die Konstruktion mit Nebensätzen unterschiedlichen Ranges, verwirrt den Leser und erschwert das Verständnis. Tucholsky hat diesen Satz natürlich bewusst und in satirischer Absicht so verschachtelt, um seine Botschaft herüberzubringen. Seine Aussage, man solle möglichst kompliziert konstruieren, ist ironisch zu verstehen. Kein Mensch des 20. oder 21. Jahrhunderts will so etwas lesen. Wenn ich im Deutschunterricht Texte lesen lasse, die so geschrieben sind, bekunden viele Lernende Mühe und äussern Unlust, sich damit auseinanderzusetzen. Trotzdem ist es verständlich, warum sie dann bei ihren eigenen Texten ausgerechnet diesen Stil nachahmen. Wolf Schneider beschuldigt nicht zu Unrecht die Schule, dass sie die Schüler darauf trainiert, alle Nebensatzarten zu bestimmen und beständig anzuwenden. Dazu trägt nicht nur der Deutschunterricht bei. Denn leider gilt es im Fremdsprachenunterricht – vorwiegend im Fach Französisch – als vorbildlich und als Zeugnis von höherer Sprachkunst, wenn man möglichst seltene und komplexe Nebensatzkonstruktionen beherrscht und permanent verwendet. Dieser Drill geht nicht spurlos an den Schreibversuchen von Gymnasiasten vorbei. Sie pimpen halbdurchdachte Gedanken stilistisch auf, zumeist mit mässigem Erfolg: Viele beherrschen die Satzkonstruktionen, die sie verwenden, gar nicht oder wissen zumindest nicht, wie sie die Kommas darin verteilen müssen. Ich will keine Religion daraus machen und den Nebensatz verdammen. Die Menschen haben den Nebensatz nicht dazu erfunden, um ihn nicht anzuwenden. Aber er ist auch nicht dazu da, dass man mit ihm prahlt und sich dabei zum Sprachgenie aufbläht. Oberstes Ziel muss immer noch sein, dass der Text etwas Wichtiges aussagt und dass er gerne gelesen wird. Bluffe nicht mit Sprache! Was nützt es dir, wenn du auf die Brust trommelst, bis alle hersehen, einen besonders schwierigen Move vorführst und dann voll auf die Schnauze fliegst?

Tipps:

  • Johann Wolfgang Goethe, Theodor Fontane und Thomas Mann sind geniale Schriftsteller, die man heute noch lesen sollte. Aber kopiere nicht ihren Schreibstil!
  • Es gilt Tucholskys nichtironischer Ratschlag für einen GUTEN Redner auch beim Schreiben: „Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze.“
  • Schreibe in Satzkonstruktionen, die du beherrschst.
  • Halte dich an die alte Regel: neuer Gedanke – neuer Satz.

Übung 1

Löse in den folgenden drei Beispielsätzen mindestens einen Nebensatz auf. Bilde, falls nötig, zwei eigenständige Sätze.

 

  1. Ich finde es ungerecht, dass, wenn andere etwas Verbotenes tun, ich dafür bestraft werde.
  2. Was ich auch noch problematisch finde, ist, dass niemand etwas dagegen tut.
  3. Egal, wo und was sie macht, wenn sie daran denkt, am Abend die Musik laut aufzudrehen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, fühlt sich die Zeichnerin gerade besser. 

Übung 2

Der Roche-Turm ist das höchste Gebäude der Schweiz. Er dominiert das Stadtbild von Basel. Überlege, ob und inwiefern solch ein Hochhaus in unsere Gegend passt und wie sich das Stadtbild in der Zukunft weiterentwickeln soll. Schreibe in einfachen Sätzen.