Einführung

Wann lernen wir schreiben – in der Primarschule, vorher oder erst viel später? Seit über 20 Jahren lese und korrigiere ich Schülertexte. Die meisten dieser Aufsätze, Berichte und Facharbeiten sind Pflichtübungen. Lernende schreiben sie, weil ich und die Schule sie dazu zwingen. Das merkt man den Texten an: Sie sind meistens okay, aber selten spannend und gut. Häufig ist es schlimmer: Die Schreibenden möchten gerne etwas Gutes produzieren und liefern stilistischen Schwulst ab. Verschachtelte Nebensätze und Adjektive vernebeln die Aussage. Passiv und Plusquamperfekt konkurrieren darum, wer den Leser zuerst vergrault. Und den Abschluss solcher Ergüsse bilden nichts sagende Formulierungen: Ob das so ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ganz nach der alten Bauernregel: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist. Wer will denn aber wirklich, dass andere nach der Lektüre seines Textes zuerst denken: Schön, dass du gekräht hast, aber warum hast du nichts zu sagen?

 

Hier geht es um die Grundlagen. Angeregt von meinem journalistischen Praktikum bei der BZ Basel orientiere ich mich an den Richtlinien für das verständliche Schreiben, wie es in den Redaktionen praktiziert wird und wie es Wolf Schneider vornehmlich in seinen beiden Standardwerken „Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergass“ und „Deutsch für Profis“ vermittelt. Wer es genau wissen will und eloquenter serviert bekommen möchte, der möge sich bei Schneider kundig machen. Im vorliegenden Schreibtraining greife ich auf einige seiner Anregungen und Regeln zurück, von denen ich mir die grösste Wirksamkeit für die Qualität von Texten in Schule, Beruf und Alltag verspreche. Die Textbeispiele entstammen so oder ähnlich den vielen mittelmässigen Aufsätzen, die ich korrigieren muss.

 

Ich spreche meine Leser hier direkt an, und zwar mit du. Verstehe das als Anrede um der Klarheit willen, ähnlich einer Spielanleitung oder einem Kochrezept. Probiere diese Spielzüge, übe diese Taktik, nimm diese Zutaten und mische sie so zusammen wie hier empfohlen. Dann läuft das Spiel beziehungsweise schmeckt das Gericht. Was dich daran hindert, klar und gut zu schreiben, liegt in dir selbst. Wenn du bis jetzt gutes Feedback zu deinem Schreiben bekommen hast, ruhe dich nicht darauf aus. Sei nicht damit zufrieden. Dein Schreiben musste sich im Alltag und unter erschwerten Bedingungen vielleicht noch nicht bewähren. Dir wurde gehuldigt, weil du Grammatik und Rechtschreibung beherrschst. Wenn du bis heute wenig Erfolg mit dem Schreiben hattest, dann arbeite jetzt daran. Lerne jetzt endlich schreiben! Und höre nie auf, es zu lernen!

 

Leitidee beim Schreiben

Die Länge und der Anfang des Textes – gegebenenfalls der Titel – entscheiden darüber, ob dein Text gelesen wird. In der Berufswelt ist das natürlich situationsabhängig: Sucht die Personalchefin neue Mitarbeitende, wird sie Bewerbungen eher lesen, als wenn sie keine Jobs zu vergeben hat. Trotzdem musst du deine Bewerbung so schreiben, dass die Personalchefin sich überlegt, ob sie nicht doch noch eine Stelle für dich beantragen soll, weil die Firma genau dich auf keinen Fall an die Konkurrenz verlieren darf.

 

Ich gehe hier davon aus, dass du keinen fiktionalen, also literarischen Text schreiben möchtest. Du willst aber sicher etwas Gescheites sagen, richtig verstanden werden und deine Leser nicht langweilen. Du akzeptierst, dass es deinen Lesern genauso geht wie dir selber: Du liest nur gerne, was du lesen willst, woraus du also einen Mehrwert ziehst. Du weisst nachher besser über etwas Bescheid, was du wichtig findest; du kannst deine Neugier stillen; es löst Gefühle in dir aus, die dir wichtig sind: Freude, Angst, Wut, Ekel, Trauer. Du liest hingegen nicht gerne, was dir egal ist und was du nicht verstehst. Lesende können sich nicht für alles interessieren. Schreibende können nicht alle motivieren, ihre Texte zu lesen. Aber sie können ihnen den Zugang erleichtern. Oft ist das für die Schreibenden mehr Arbeit und Anstrengung, als die Lesenden denken.

 

Tipps:

  • Du fragst dich beim Schreiben immer wieder: Würde ich das gerne lesen wollen? Fände ich das gescheit, richtig, gut formuliert? Würde mich das überzeugen?
  • Mach es wie Luther bei seiner Bibelübersetzung: Er wollte, dass nicht nur die Geistlichen die Bibel verstehen, sondern auch die Laien. Räume also die grossen Steine aus dem Weg und ermögliche den Lesenden, dass sie mühelos durch den Text gehen, ohne ständig anzustossen. Das bedeutet auch: Gib dir Mühe in Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung.