Selbstverantwortlich leben

 

Herr Hagenbuch, was ist unter einer psychischen Beeinträchtigung zu verstehen?

Urs Hagenbuch: Das kann ein Burnout sein, eine Depression, eine Verhaltensauffälligkeit oder eine psychische Erkrankung, die so stark ist, dass jemand den normalen Ausbildungsweg nicht gehen kann. Das sind bei uns also primär jüngere Leute. Wir bieten vier Ausbildungen in je einer Abteilung an: BekleidungsgestalterIn EFZ im Textilatelier, Büroservice EFZ, ZweiradmechanikerIn EFZ in unserer Velowerkstatt an der Hegenheimerstrasse und Koch/Köchin im Hausdienst.

 

Über welchen Ausbildungsweg sind Sie hierher gelangt?

Meine erste Ausbildung habe ich als Coiffeur gemacht, dann absolvierte ich das KV und wurde anschliessend Sozialarbeiter. Danach studierte ich Psychologie und Betriebswirtschaft und machte eine Coaching-Ausbildung. Ich bin seit elf Jahren hier. Die Institution CO13 gibt es aber schon seit 1980 und war zuerst als Begleitung zur Drogentherapie gedacht – aus der Erkenntnis heraus, dass man die Süchtigen nicht nur von der Droge wegkriegen soll, sondern ihnen auch eine Basis in der Gesellschaft geben muss. Ursprünglich geschah das in einer Schreinerei im Hinterhof. Später kamen die anderen Bereiche hinzu. Nach einer Krise, in der die Schreinerei keinen Umsatz mehr abwarf, musste man diese schliessen. Ich habe dann die ganze Institution reorganisiert und neu konzipiert. Bei uns liegt der Fokus vor allem auf der Ausbildung und nicht auf der Produktion wie bei anderen geschützten Werkstätten. Wir wollen die Leute in einem Beruf befähigen, damit sie wirklich selbstständig werden und unsere Begleitung nicht mehr brauchen.

 

Gelingt das?

Wir bekommen viele Feedbacks von Einzelnen, die bei uns waren und uns erzählen, was es ihnen genützt hat. Eine wissenschaftliche Studie mit genauem Nachweis über die Wirksamkeit unserer Begleitung gibt es nicht. Aber wir sehen, dass wir jeweils den grössten Teil unserer Leute vermitteln und somit integrieren können. Darauf sind wir stolz. Allerdings ist es unterschiedlich, wie nachhaltig die Integration dann ist. Denn eine psychische Erkrankung ist nichts Stabiles, sondern sie kommt und geht und kann wieder kommen und wieder gehen. Auch wenn jemand eine Stelle gefunden hat, kann nach ein paar Jahren wieder ein Krankheitsschub auftreten, etwa bei einer Psychose. Wer mithilfe von Medikamenten stabil ist, setzt diese irgendwann ab. Das ist normal. Jemand, der auf diese Absetzung psychotisch reagiert, wird dann wieder krank und braucht noch mal Unterstützung, um wieder zurückgeführt zu werden.

 

Welche Unterstützung bieten Sie neben der Berufsausbildung an?

Wir fördern insbesondere die Persönlichkeitsentwicklung. Man muss sich im Berufsalltag nicht nur fachlich bewähren, sondern auch sich selbst gut kennen, mit einer Gruppe gut zusammenarbeiten können. Wir bauen ein Netzwerk je nach Bedarf mit Arzt, Wohnbegleitung und Therapeut auf. Es ist für den Gesundungsweg von Menschen, die psychisch beeinträchtigt sind, sehr wichtig, dass sie die Chance erhalten, sich beruflich zu qualifizieren und sich in die Arbeitswelt zu integrieren. Das belegen arbeitspsychologische Studien. Wer sich als arbeitend erlebt, ist viel stabiler.

 

Welche Rolle spielen die gängigen Geschlechtervorstellungen bei der Wahl der Ausbildung?

Eine eher geringe. Es interessieren sich junge Männer für die Textilausbildung, und wir haben auch Frauen in der Velowerkstatt.

Woher stammen die finanziellen Mittel für Ihre Institution?

Der Aufwand der Ausbildungen wird von der IV finanziert. Man darf aber nicht unterschätzen, dass die Produkte, die wir verkaufen, auf dem Markt bestehen müssen. Wer in der Boutique einkauft, erwartet, dass die Kleidungsstücke gut aussehen und richtig genäht sind. Wer bei uns ein Mittagsmenü isst, will es nicht versalzen haben, sondern schmackhaft. Die Fahrradbremsen, die bei uns repariert werden, müssen taugen. Ein Drittel unserer Einnahmen kommt über diesen Weg zustande. Zwei Drittel sind staatliche Gelder. Nur ein ganz kleiner Teil sind Spenden.

 

Machen Sie Öffentlichkeitsarbeit?

Ja, wir organisieren Sommernachtsfeste und Lotto-Matches mit Preisen, die wir von Quartierbewohnern gestiftet bekommen. Die Einladung zu diesen Anlässen geht an über 4000 Adressen. Und wir haben das Restaurant hier, in dem wir Mittagsmenüs anbieten. Hier essen unsere Leute und die Leute vom Quartier. Man kennt uns. Das ist sehr wichtig für die Vermittlung der Menschen, die wir hier betreuen.

 

Welche Motivation haben Sie persönlich für diese Arbeit?

Natürlich möchte ich etwas Gutes tun, hinter dem ich stehen kann. Aber ich mache das auch, um Geld zu verdienen, wie jeder andere auch. Ich kenne mehrere Branchen, habe auf der Bank und in einer Brauerei gearbeitet. Hier sehe ich eine Entwicklung von jungen Menschen, die ich wichtig finde. Das finde ich sinnvoll und motiviert mich.