Oase im Weltall

Das Interview wurde in Zusammenarbeit mit Timo Kröner geführt und verfasst.

 

Herr Vosseler, Sie haben viele tolle Reisen gemacht. Wohin reisen Sie als nächstes?

Ich weiss es nicht. Ich bin im Moment in einer sesshaften Phase. Ich werde in zwei Wochen 65. Ich bin im letzten Sommer in Deutschland gewandert und habe plötzlich im Odenwald gemerkt, dass diese Energiemission, für die ich gewandert bin, nun vorbei ist. Auf jedem zweiten Dach war eine Solaranlage, auf jedem zweiten Hügel ein Windrad – und ich unterwegs mit meinem Fähnlein. Da war plötzlich klar, dass jetzt etwas anderes kommen muss.

 

Was war die Motivation für diese „Sonnenwanderungen“. Was haben Sie Spezielles erlebt?

Das fing in den 90er-Jahren mit der Bewegung „Sonne Schweiz“ an, die sich für eine 100% erneuerbare Energieversorgung der Schweiz einsetzte. Wir hatten jedes Jahr Sonnenlandsgemeinden in verschiedenen Orten der Schweiz, zu denen wir dann hinwanderten, meist mehrere Wochen lang, damals noch mit meinem Freund Bruno Manser, z. B. von Elm ins Mendrisiotto oder von Elm nach Neuenburg. Wir waren mit Maultieren unterwegs. Da kam ich dann auf den Geschmack. Die erste grosse Wanderung dann aber war von Konstanz nach Santiago de Compostela 1999. Die erste Solarmission aber war 2003 von Basel nach Jerusalem. Da bin ich einfach mal aufgebrochen ohne grosse Vorbereitung mit einem Rucksack, meinem Fähnchen und mit einem Zeichnungsblock – und das war so wunderbar! Zwölf Länder, so viele verschiedene Kulturen. Ich habe in jedem Land etwas Basiswortschatz Sprache gelernt, hatte viele herzerwärmende Begegnungen mit Leuten, die mir helfen wollten, auch viele lustige. Einer hat mal gefragt: „Na, wohin wandern Sie denn? Nach Jerusalem? Das ist aber weit! Da müssen Sie ja wacker gesündigt haben, dass Sie so weit zu Fuss gehen!“ Und jetzt empfinde ich natürlich Wehmut über Syrien. Damals diese unglaubliche Gastfreundschaft in der Türkei, in Syrien und Jordanien – und jetzt dieses Elend dort!

 

Die eindrücklichste Reise ging dann 2008 durch die USA von Los Angeles nach Boston. Das war ein absoluter Höhepunkt in meinem Leben. Als Schweizer Bub mit unserem kleinräumigen, vielfältigen, wunderbaren Land in diese unendliche Weite zu gelangen, durch die Wüste, durch die Ebenen, durch die Wälder von Tennessee und Virginia bei allen Wettern und wieder mit diesem überwältigenden Erlebnis von Gastfreundschaft. Ich wurde auf der Strasse angesprochen, ob ich essen möchte und einen Platz zum Schlafen hätte. Die meisten Kontakte zu den lokalen Medien wurden von den Leuten spontan auf der Strasse organisiert.

 

Beim Wandern bin ich mit allen Sinnen voll präsent. Ich habe ja früher viele weite Reisen gemacht mit Flugzeug und anderem. Ich habe gemerkt, wie armselig das war, verglichen mit diesem Reisen zu Fuss. Denn ich bin ganz direkt in Kontakt mit der Mutter Erde. Es ist alles voller Überraschungen. Ich bin allem ausgesetzt, der Wärme, der Kälte, dem Wind. Ich erlebe Hunger, Durst und dann auch wieder das unglaubliche Glücksgefühl, wieder etwas zu essen zu bekommen. Es ist alles sehr intensiv.

 

Herr Vosseler, als engagierte Lehrpersonen wollen wir, dass die Schülerinnen und Schüler die Welt bei uns kennen lernen und dann später retten. Wie sollen wir das im Normalunterricht und auch auf schulischen Reisen bewirken?

Zwei Pfeiler: Wecken Sie und unterstützen Sie die Begeisterung für das Wunder des Lebens, das uns überall umgibt! Es ist unglaublich, dass wir auf dieser Oase im Weltall leben dürfen, wo es so viele Wunder gibt. Das sind die Blumen, diese Trauben hier [auf dem Tisch vor uns], aber auch dass wir essen, verdauen, schlafen können, dass wir miteinander sprechen können, dass sofort die ganze Kaskade von Blutgerinnungsfaktoren losgeht, wenn wir uns schneiden. Es ist unfassbar. Wenn sie als Lehrerinnen und Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler zum Staunen anregen können, dann ist das ein wichtiger Pfeiler, denn im Staunen entsteht die Bewunderung für diesen Planeten und auch die Frage: Was kann ich dazu beitragen, dass dieses Wunder für die kommenden Generationen erhalten bleibt? Und der zweite Pfeiler, den ich genauso wichtig finde, liegt darin, im Schüler und der Schülerin die Kräfte zu stärken, zu wecken vielleicht, die ihre Einzigartigkeit ausmachen, und dieser Einzigartigkeit Raum zu lassen und sie zu unterstützen. Denn wir engagieren uns dann wirksam für die Erhaltung der Bewohnbarkeit der Erde, wenn wir es in einer Form tun können, die uns entspricht. Das Wandern hat jetzt für mich gestimmt. Es muss etwas sein, das uns begeistert. Das ist für mich die Chance und die Hauptaufgabe der Schule.

 

Lässt sich das insbesondere auch auf einer Reise mit Schülerinnen und Schülern entdecken?

Unbedingt! Das sind für mich die bleibenden Eindrücke, welche die Schule mir vermittelt hat, wenn wir etwas auf einem Schulspaziergang waren. Wenn wir auf Reisen gehen, dann ist das für mich die einfachste und wirksamste Form des Lernens. Wir sind in anderen Kulturen. Ich habe das erlebt auf meiner Wanderung von Basel nach Jerusalem: durch Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Anatolien, Syrien: Die Veränderung der Baustile, die Veränderung der Sprache, die Veränderung des Temperaments. Das Reisen ist für mich eine wichtige Art des Lernens.

 

Wie sollen wir Lehrpersonen damit umgehen, dass wir uns mit der Klasse genau solche Erlebnisse und Bildungsziele wünschen, dass die Jugendlichen aber vielleicht in erster Linie Spass haben wollen?

Wenn es in der Vorbereitung gelingt, eine gewisse Unabhängigkeit und einen Gestaltungsspielraum für die Schülerinnen und Schüler einzubauen, dann kann man vielleicht einige junge Leute dort abholen, wo sie heute stehen.

 

Wie könnte das auf einer einwöchigen Bildungsreise in eine europäische Grossstadt umgesetzt werden?

Sie könnten diese Reise nicht als geführte Gruppenreise gestalten, sondern die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, eigene Projekte, die sie gestalten, zu verfolgen. Dadurch werden sie aktiv. Nehmen wir Berlin als Reiseziel. Eine Gruppe möchte vielleicht herausfinden, welche Restaurants vegetarisch sind und von welchen ethnischen Gruppen sie betrieben werden. Dann recherchieren die Gruppenmitlgieder, suchen die Restaurants auf, essen dort, reden mit den Leuten. Das kann auch die Kontaktaufnahme mit einer tollen Musikgruppe sein, die man kennen lernen möchte, mit der man ein Interview machen kann, das man später präsentieren kann. Da gibt es ein Riesenspektrum an Möglichkeiten. Mich dünkt es absolut wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler die Regie dieser Städtereise übernehmen.

Inwiefern macht das Reisen den Menschen gebildeter oder auch ethisch reifer?

Wenn wir mit einem offenen Geist auf Reisen gehen, dann haben wir eine unglaubliche Chance, etwas von anderen Menschen zu erfahren, einander die eigene Kultur näherzubringen. An einem einzigen Abend in einem türkischen Bergdorf habe ich erfahren, wie die türkischen Hirten ihre Herden vor dem Wolf schützen, wie ihr Essen schmeckt, wie ihre Musik klingt, wie die Instrumente heissen, die sie spielen, wie sie wohnen und leben, wie sie den Ramadan feiern. Das sehe ich als die grosse Chance des Reisens, dass wir unser eigenes Habitat verlassen, ohne Vorurteile in die Welt hinausziehen und uns überraschen lassen von alldem, was uns dort erwartet.