Welche Schweiz möchtest du?

Die Spoken-Word-Künstlerin Amina Abdulkadir ist am Gymnasium Muttenz im Rahmen einer Mittagsveranstaltung aufgetreten. Am Tag danach haben wir sie zum Interview getroffen.

 

Das Interview wurde in Zusammenarbeit mit Timo Kröner geführt und verfasst.

 

Wie sollen wir heutzutage miteinander reden?

Wahrscheinlich wäre es in diesen „feurigen Zeiten“ gut, wir würden noch bewusster miteinander reden und hinterfragen, wie wir Sachen formulieren. Wenn ich glaube, dass mir etwas zusteht, dann formuliere ich das eher so, wie das ein Kommandant im Militär formulieren würde. Wenn ich aber denke: Das wäre schön, ich möchte zeigen, wer und was ich bin und was ich möchte, dann formuliere ich einen Wunsch.

Ich glaube, dass in der Schweiz die Freundlichkeit schon da ist. Aber diese Freundlichkeit verändert sich tragischerweise ganz oft in ein Stillschweigen, ein Der-Konfrontation-Ausweichen, deshalb würde ich im Schweizer Kontext sicher betonen, die eigene Haltung zu hinterfragen.

 

Dein Vater kommt aus Somalia, deine Mutter aus der Schweiz. Bist du mit beiden Sprachen aufgewachsen?

Die erste Sprache in unserer Familie war Italienisch, weil das auch die gemeinsame Sprache meiner Eltern war, am Anfang zumindest. Sie fanden besser, dass beide eine Fremdsprache sprechen müssen. Somalisch war eigentlich als zweite Sprache geplant. Zu der Zeit, als sich meine Eltern kennen gelernt habe, war das Italienische in Somalia wie hier das Hochdeutsche eine Art Amtssprache, deshalb sollten wir das auch können.

Wir sind dann aber in die Schweiz gekommen, als ich dreieinhalb war, da habe ich noch nicht somalisch gesprochen. Hier haben wir uns dann schnell angepasst, schweizerdeutsch gesprochen und das Italienisch ist in den Hintergrund gerückt. Die Sprache meiner Kindheit ist demnach das Schweizerdeutsch. Das Somalische ist so crazy mit Mehrfachvokalen, da entsteht bei mir auch nichts, weil ich Somalisch gar nicht im Ohr habe.

 

Man sagt, dass Sprache und Heimat oder Heimatgefühl ganz eng zusammengehören. Wie ist das bei dir?

Ich stehe dem ganzen Konzept von Heimat als Ort oder als Region sehr skeptisch gegenüber. Ich habe Eltern, die viel gereist sind. Auch ich bin viel und weit gereist. Wenn ich das Heimatgefühl verorten müsste, dann würde ich es eher mit Menschen in Verbindung bringen. Ich glaube schon, dass meine Mutter auf emotionaler Ebene etwas Ähnliches wie Heimatgefühl in mir auslöst – aber nicht die Schweiz und schon gar nicht Somalia.

 

Was macht einen Spoken-Word-Text aus?

Was einen Spoken-Word-Text ausmacht, ist der bewusste Einsatz von Mitteln, die einem beim nur geschriebenen Wort nicht zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel Mimik, Gestik, allgemein die Körpersprache, der Körper im Raum. Ich kann bei einer Performance vor dem Publikum stehen, daneben, um das Publikum herumgehen.

Und dann natürlich alles, was Stimme und Modulation ist, Pausen, Tempo. Aspekte davon kann ich beim geschriebenen Wort zwar mit Zeilenumbrüchen oder Tabstopps simulieren, aber nie alles.

 

Denkst du daran schon beim Schreiben?

Ich selbst kreiere meine Bühnentexte sprechend. Mein Handy liegt dann irgendwo, ich tigere rum und nehme auf. Ich zwinge mich zu sprechen, bis ich nicht mehr kann. Die Ergebnisse sind in der Regel krass geschlossen. Dafür brauche ich ein Mindestlevel an innerer Emotion, es muss irgendetwas geben, das gerade rauswill. Aber dann muss ich an meinen Bühnentexten unglaublich wenig feilen. Dadurch dass ich die Texte sprechend kreiere, haben sie schon eine Körperlichkeit, auch etwas sehr Direktes, was nachher auch unangenehm sein kann. Wenn ich die Texte wiedergebe, haben sie etwas Natürliches, Zwingendes. Bei ganz vielen meiner Texte würde ich unglaublich gerne Wörter ändern, weil es einige andere gäbe, die schöner und besser wären. Das lasse ich dann aber schön bleiben, denn das ist ja genau das, was unglaublich anstrengend ist bei gewissen Texten von gewissen Leuten: Man merkt, das ist genau das Wort, das zeigen soll, dass sie Ahnung haben, dass sie wortgewandt sind – und ja, auch dieses Buch haben sie gelesen!

 

Du bist als Dreijährige in Hunzenschwil im Aargau angekommen. Wirkt das Fremdheitsgefühl, das du während deiner Kindheit hattest, noch nach?

Es wirkt unbedingt nach! Meine Erfahrung war sehr ambivalent. Ich wurde als exotisch und spannend wahrgenommen, erfuhr aber auch Ekel und Ablehnung. In meiner Klasse waren neben mir zwei Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien, und ich war da schon immer "die Andere". Meine beiden Brüder und ich sind ganz unterschiedlich angekommen. Man muss auch sehen, dass dunkelhäutige Männer eine andere Lebensrealität haben als dunkelhäutige Frauen. Und klar haben diese Wahrnehmungen des Fremdseins mit dem Schreiben zu tun, aber für mich macht es keinen Unterschied, ob es um Dunkelhäutige oder Frauen geht, letztlich ist das eh alles Ethik. Eigentlich ist es die immer gleiche langweilige Diskussion, dass Menschen aufgrund eigentlich irrelevanter Kriterien bewertet werden. In meinen Texten geht es mehrheitlich um Dunkelhäutige oder Frauen, weil ich mich bei diesen Themen auch traue, Aussagen zu machen oder Forderungen zu stellen, denn auch ich bin ja Teil dieser Gesellschaft.

 

Wie geht es dir dabei, wenn du selber dein Anderssein, deine Hautfarbe zum Thema machst?

Das ist eher unangenehm. Ich exponiere mich vor den Zuschauern ganz anders als im Alltag. Ich zeige etwas, was schon lange an mir nagt. Ich lege eine offene Wunde und lasse sie reingreifen. Ich lasse sie das Vorurteil reproduzieren, lasse sie lachen, damit sie sich danach scheisse fühlen. Dieses Reproduzieren braucht es, damit es nachher wehtut. Alle, auch die sogenannten Linken und die selbsternannten Guten, sollen darauf darauf hereinfallen, um sich danach zu hinterfragen.